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Du suchst auf einer Landkarte einen Weg, eine Hütte oder den nächsten Gipfel. Was du eher nicht erwartest: ein Murmeltier, das sich zwischen den feinen Linien der Felsdarstellung versteckt. Genau dieses Detail hat es tatsächlich auf eine offizielle Schweizer Landeskarte geschafft.

Die Geschichte führt an den Aletschgletscher – und zu einem Kartografen mit Sinn für einen leisen Abschied. Sie zeigt nebenbei, wie viel gestalterische Arbeit in einer Karte steckt, die auf den ersten Blick vor allem eines verspricht: Genauigkeit.

Ein Abschiedsgruss zwischen den Felsen

Laut swisstopo baute der Spezialkartograf Paul Ehrlich das Tier 2011 in die Felszeichnung ein, kurz vor seiner Pensionierung. Er hatte verschiedene Möglichkeiten geprüft und wollte ein Motiv, das zur Gegend passte, ohne die Landschaftsdarstellung zu verfälschen. Das Murmeltier wurde sein kleiner, gut versteckter Beitrag.

Swisstopo dokumentiert es auf Blatt 1269 «Aletschgletscher», Ausgabe 2013, im Massstab 1:25’000. Das ist keine riesige Tierzeichnung, die einem beim Aufklappen entgegenspringt. Gerade das Unauffällige macht den Reiz aus: Man muss wissen, dass dort mehr als Fels zu sehen ist.

Als der Scherz öffentlich wurde

SRF berichtete am 10. September 2016 über das winzige Tier am unteren Ende des Aletschgletschers. Bei swisstopo in Wabern nahm man die Entdeckung mit Humor, betonte aber zugleich, dass Landeskarten korrekt sein müssen. Der damals für die Kartenproduktion zuständige Thorsten Kossack kündigte im Bericht an, das Murmeltier bei der nächsten Ausgabe zu entfernen.

Deshalb lohnt sich beim Suchen der Blick auf das Erscheinungsjahr. Die Geschichte belegt eine historische Kartenzeichnung; sie bedeutet nicht, dass das Tier heute in jeder aktuellen Karte oder jeder App-Ansicht vorhanden ist. Wer gezielt danach sucht, sollte sich an die dokumentierte Ausgabe halten.

Warum eine Karte mehr ist als ein kleineres Luftbild

Eine Landeskarte zeigt die Landschaft nach bestimmten gestalterischen Regeln. Häuser, Wege, Gewässer und Geländeformen müssen auf begrenztem Platz erkennbar bleiben. Je kleiner der Massstab, desto stärker werden Informationen ausgewählt und vereinfacht – in der Kartografie heisst das Generalisierung.

Besonders eindrücklich wird diese Arbeit im Gebirge. Nach der Erklärung von swisstopo entsteht die räumliche Wirkung der Schweizer Landeskarten vor allem durch das Zusammenspiel von Relief, Felsen, Geröll und Gletschern. Auf einem flachen Blatt soll sich ein Hang steil, ein Rücken plastisch und eine Felswand zerklüftet anfühlen. Die Linien tragen also wesentlich dazu bei, dass wir das Gelände lesen können.

Wie eng dabei Handwerk und Technik verbunden sind, beschrieb swisstopo 2022 am Beispiel des Informatikers Roman Geisthövel. Er beschäftigte sich mit der Digitalisierung kartografischer Darstellungsverfahren und der Automatisierung von Felsschraffuren. Das Ziel war, den vertrauten Charakter der Geländedarstellung auch mit neuer Technik zu bewahren. Hinter der scheinbar selbstverständlichen Bergzeichnung steckt damit eine eigene gestalterische Disziplin.

Das Murmeltier ist nicht allein

Auch eine Spinne am Eiger, ein Fisch und ein Bergsteiger gehören zu den von swisstopo dokumentierten versteckten Motiven. Das Bundesamt erklärt ausdrücklich, dass diese Zeichnungen weder die Genauigkeit und Detailtreue der Karten noch die Sicherheit der Benutzenden beeinträchtigen. Es geht um kleine grafische Besonderheiten, die sich in die jeweilige Umgebung einfügen.

Das Geoportal des Bundes griff solche Beispiele im Dezember 2025 sogar für eine Unterrichtsidee auf. Schülerinnen und Schüler sollen Karten genau betrachten, Formen entdecken und daraus eigene Bilder entwickeln. Aus dem Kartografenstreich wird so ein Anlass, sich mit Geodaten, Landschaft und bildnerischem Gestalten zu beschäftigen.

So findest du die echte Zeichnung

Der einfachste Einstieg ist die Originaldokumentation von swisstopo. Dort findest du die historischen Motive samt Kartenangaben und Verweisen auf den Kartenviewer. Für das Murmeltier nennt swisstopo die Koordinaten 2’645’950 / 1’140’146.

Wer danach weitersuchen möchte, kann mit den historischen Karten und der Zeitreise verschiedene Ausgaben vergleichen. Dabei lassen sich nicht nur versteckte Zeichnungen aufspüren, sondern auch Veränderungen von Siedlungen, Strassen und Landschaften beobachten. Die digitalisierten Karten machen frühere Zustände zugänglich, ohne dass man dafür eine alte Papierausgabe besitzen muss.

Vielleicht ist das die schönste Nebenwirkung dieses Murmeltiers: Man schaut plötzlich genauer hin. Wo vorher nur ein dichtes Muster aus Linien war, erkennt man Entscheidungen, Arbeit und gelegentlich den Humor der Menschen dahinter. Selbst eine amtliche Landkarte kann eine persönliche Handschrift haben.