Kein Motor, kein Propeller und trotzdem zuverlässig ans andere Ufer: In Basel schaffen vier Fähren etwas, das zunächst wie ein physikalischer Trick wirkt. Sie überqueren den Rhein allein mit der Kraft des Wassers – der Fluss ist ihr Antrieb.
Der Rhein zieht nicht nur flussabwärts
Eigentlich müsste eine motorlose Fähre einfach mit der Strömung davongetragen werden. Genau das verhindert ein langes Drahtseil. Die Fähre ist daran befestigt, während eine Rolle entlang einer hoch über den Rhein gespannten Trosse von einem Ufer zum anderen laufen kann.
Das Seil hält das Boot in einem begrenzten Bereich des Flusses. Es verhindert aber nicht die seitliche Bewegung. Dadurch kann die Strömung genutzt werden, um die Fähre quer über den Rhein zu schieben.
Der Winkel macht aus Strömung einen Antrieb
Entscheidend ist die Stellung des Bootes. Die Fährperson legt den sogenannten Schwengel auf die passende Seite und richtet die Fähre mit dem Ruder schräg zur Strömung aus. Das Wasser trifft nun nicht gerade, sondern seitlich auf den Rumpf.
Ein Teil der Kraft drückt weiterhin flussabwärts, wird aber vom Seil aufgefangen. Der andere Teil wirkt quer zum Fluss und bewegt das Boot zum gegenüberliegenden Ufer. Das Prinzip erinnert an einen Drachen im Wind: Erst die richtige Ausrichtung verwandelt eine natürliche Strömung in eine gerichtete Bewegung.
Für die Rückfahrt wird der Trick umgedreht
Am anderen Ufer braucht es keinen Rückwärtsgang. Der Schwengel wird auf die andere Seite gelegt und die Fähre erneut schräg angestellt. Dadurch wechselt die seitliche Kraft ihre Richtung, obwohl der Rhein weiterhin gleich fliesst.
Mit dem Ruder lässt sich steuern, wie stark die Strömung auf das Boot wirkt. Kurz vor dem Anleger wird die Fähre gerader gestellt und abgebremst. Ganz ohne Können funktioniert die Fahrt also nicht: Der Rhein liefert die Energie, die Fährperson kontrolliert sie.
Vier Fähren, vier Namen
Heute verbinden vier Rheinfähren Grossbasel mit Kleinbasel: «Wild Maa», «Leu», «Vogel Gryff» und «Ueli». Ihre Standorte liegen zwischen den Basler Brücken, sodass sie kurze direkte Verbindungen für Fussgängerinnen und Fussgänger schaffen.
Die erste Basler Fährverbindung entstand 1854 auf Initiative der Basler Künstlergesellschaft. Damals sprach man auch von einer «fliegenden Brücke». Was einst eine praktische Ergänzung zu den wenigen Brücken war, ist heute ein bewegliches Wahrzeichen der Stadt.
Wenn dem Rhein die Kraft fehlt
Das geniale System hat eine offensichtliche Abhängigkeit: Ohne ausreichende Strömung fehlt der Antrieb. Im August 2026 musste die St.-Alban-Fähre «Wild Maa» wegen der schwachen Strömung zeitweise am Ufer bleiben. Der ungewöhnliche Stillstand zeigte sehr direkt, dass der Fluss hier keine Kulisse, sondern tatsächlich die Maschine ist.
Auch Hochwasser kann den Betrieb stoppen. Basel Tourismus weist darauf hin, dass die Fähren ab einem Rheinpegel von 7,9 Metern nicht verkehren. Fahrpläne und Betrieb sind deshalb immer auch von Wasserstand, Wetter und Sicherheitslage abhängig.
Kein gewöhnlicher öffentlicher Verkehr
Die Basler Fähren sehen zwar wie ein traditionsreiches Nahverkehrsmittel aus, gehören laut Fähri-Verein aber nicht zum öffentlichen Verkehrssystem der Stadt und werden nicht staatlich subventioniert. Die Stiftung Basler Fähren kümmert sich um Betrieb, Sicherheit und Unterhalt, während der Fähri-Verein die historischen Gefährte finanziell unterstützt.
Grössere Revisionen sind nach Angaben der Stiftung durchschnittlich etwa alle fünf Jahre nötig. Die einfache Antriebsidee bedeutet also nicht, dass die Boote ohne Pflege auskommen. Seile, Rollen, Rumpf und Stege müssen zuverlässig funktionieren, damit die Kraft des Rheins sicher genutzt werden kann.
Eine Fahrt für zwei Franken
Für Erwachsene kostet eine reguläre Überfahrt nach dem am 14. Oktober 2026 veröffentlichten Tarif zwei Franken, für Kinder einen Franken. Das Ticket wird direkt auf der Fähre gelöst. Wer am Anleger steht, läutet die Glocke – und kurz darauf übernimmt der Rhein den grössten Teil der Arbeit.
Das eigentlich Heftige ist nicht, dass diese Fähren ohne Motor fahren. Es ist, wie wenig Technik nötig ist, wenn Seil, Winkel und Strömung genau zusammenspielen. Mitten in Basel wird aus fliessendem Wasser seit über 170 Jahren ein lautloser Antrieb.
Recherchestand: 14. Oktober 2026. Fahrpläne, Preise und Betriebsunterbrüche können sich ändern; für einen Besuch sind die aktuellen Angaben der jeweiligen Fähre massgebend.
Quellen
- Basel Tourismus: Die vier Basler Rheinfähren, Funktionsprinzip, Geschichte und Tarife
- Stadt.Geschichte.Basel: Fährifrau Rosi erklärt Schwengel, Tragseil und Ruder
- Stiftung Basler Fähren: Geschichte, Betrieb und Unterhalt
- Fähri-Verein Basel: Organisation und Finanzierung
- SRF: Schwache Rheinströmung stoppt die St.-Alban-Fähre, 14. August 2026
