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Dein Handy kennt die Uhrzeit. Die Uhr am Bahnhof auch. Trotzdem steigt in Lausanne jeden Abend ein Mensch in den Turm der Kathedrale, um den Menschen unten die Stunden zuzurufen. Zwischen 22 und 2 Uhr gehört diese Stimme zur Stadt – wie die Dächer der Altstadt und der Blick auf den Genfersee.

Fünf Uhrzeiten, vier Himmelsrichtungen

Der Nachtwächter heisst auf Französisch «guet», seine Kollegin «guette». Zu jeder vollen Stunde wird die Zeit in alle vier Himmelsrichtungen ausgerufen: um zehn, elf, zwölf, ein und zwei Uhr. Fünf Termine pro Nacht, bei denen der Glockenturm eine menschliche Stimme bekommt.

Die Aufgabe wird das ganze Jahr über wahrgenommen. Damit sie nicht an einer einzigen Person hängt, teilen sich der Hauptnachtwächter und ein Team von Stellvertretungen die Nächte. Wer den Ruf hört, hört deshalb immer die gleiche Tradition, aber nicht zwingend die gleiche Stimme.

Am Anfang ging es um Feuer

Das Amt ist seit 1405 belegt. Damals war ein Mensch mit Überblick über die Stadt eine wichtige Sicherheitsvorkehrung: Der Wächter sollte beginnende Brände erkennen und Alarm schlagen. Zusammen mit weiteren Wächtern auf den Strassen und beim Turm der Kirche Saint-François half er, Lausanne zu überwachen.

Die Stunden auszurufen war nur ein Teil dieser Arbeit. Der hohe Standort ermöglichte einen weiten Blick, lange bevor moderne Alarmanlagen selbstverständlich wurden. Was heute romantisch klingt, gehörte einst zur Organisation einer Stadt, die sich vor Feuer schützen musste.

Die Technik kam. Der Wächter blieb.

Mit moderner Feuerwehr und automatischen Glockenschlagwerken verlor der Guet seine ursprüngliche Aufgabe weitgehend. Doch als die Stadt 1960 seine nächtlichen Rufzeiten auf 22 bis 2 Uhr begrenzte, fürchteten viele Lausannerinnen und Lausanner bereits das Ende der Tradition. Die regionale Presse griff die Sorge auf, und die Debatte beschäftigte die Öffentlichkeit während mehr als eines Monats.

Der Kanton Waadt beschreibt diese Reaktion als Zeichen einer starken Verbundenheit. Die Menschen wollten ihre vertraute Stimme über den Dächern behalten, obwohl sie die Uhrzeit längst anders erfahren konnten. So wurde aus einer praktischen Schutzfunktion ein hörbares Stück Stadtgeschichte.

153 Stufen bis zum Arbeitsplatz

Seit dem 1. Januar 2024 ist Alexandre Schmid Hauptnachtwächter der Kathedrale. Der studierte Historiker übernahm das Amt von Renato Häusler. In einem Porträt von Lausanne Tourisme erzählt er, dass er auf eine Stellenanzeige reagierte und zuvor selbst kein Ersatznachtwächter gewesen war.

Zum Arbeitsplatz führen 153 Stufen. Oben braucht es neben Pünktlichkeit auch Übung für einen Ruf, der bis hinunter in die Stadt trägt. Schmid lernte das Ausrufen bei seinem Vorgänger; zudem gehört die Einsatzplanung des Teams zu seiner Arbeit.

Seit 2021 gehört auch eine Frauenstimme dazu

Eine jahrhundertealte Tradition kann sich verändern. Im August 2021 wurde Cassandre Berdoz als erste Frau offiziell als stellvertretende Nachtwächterin der Lausanner Kathedrale angestellt. Sie hatte am Conservatoire de Lausanne Gesang studiert und brachte damit Erfahrung im Umgang mit ihrer Stimme mit.

Mit ihrer Anstellung bekam die Tradition erstmals offiziell auch eine Frauenstimme. Das Ritual blieb bestehen: dieselben nächtlichen Stunden, derselbe Turm, dieselbe Stadt. Die Geschichte dieser Aufgabe erhielt damit ein neues Kapitel.

Was passiert zwischen zwei Rufen?

Ein Mensch, der Stunden ausruft, ruft natürlich nicht vier Stunden ohne Pause. Eine Reportage von SWI swissinfo.ch vom 13. Juni 2026 zeigt Schmids Alltag in der kleinen Turmstube: Zwischen den Einsätzen bleibt Zeit zum Lesen, für E-Mails und andere kleine Arbeiten. Das Zimmer liegt zwischen mächtigen alten Balken und verfügt über eine winzige Kochnische.

Gerade diese Mischung macht den Beruf besonders. Draussen setzt sich eine über 600 Jahre alte Tradition fort, drinnen sitzt ein Mensch mit Büchern und Laptop. Die Geschichte wird nicht nur vorgeführt; sie bekommt jede Nacht einen Platz im heutigen Alltag.

Kann man den Guet besuchen?

Lausanne Tourisme weist darauf hin, dass Begegnungen mit dem Guet oder einer seiner Stellvertretungen nach vorheriger Anmeldung möglich sind. Wer hinaufmöchte, sollte den Besuch über die offiziellen Informationen planen. Die nächtliche Begegnung wird separat vereinbart; die normalen Öffnungszeiten der Kathedrale sind dafür nicht massgebend.

Die eigentliche Antwort auf die Frage nach dem Sinn dieses Berufs liegt ohnehin unten in der Stadt. In Lausanne wird die Uhrzeit weiter ausgerufen, weil den Menschen auch die Stimme wichtig ist, die sie verkündet. Eine Uhr zeigt, wie spät es ist. Ein vertrauter Ruf kann zusätzlich daran erinnern, wo man zu Hause ist.

Recherchestand: 12. Oktober 2026. Angaben zum heutigen Amtsinhaber wurden mit Lausanne Tourisme und einer Reportage vom Juni 2026 abgeglichen.

Quellen