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Wer 43 Kilogramm Gold sucht, stellt sich einen Tresor, eine Mine oder wenigstens einen sehr nervösen Sicherheitsdienst vor. Kaum jemand denkt an eine Schweizer Kläranlage.

Genau dort landet laut einer landesweiten Untersuchung jedes Jahr Gold in dieser Grössenordnung. Nicht als verlorene Ringe oder kleine Barren, sondern als winzige Spuren in Abwasser und Klärschlamm.

Die Zahl stammt aus 64 Schweizer Kläranlagen

Ein Forschungsteam der Eawag untersuchte Proben aus 64 kommunalen Kläranlagen sowie aus grossen Schweizer Flüssen. Analysiert wurden das gereinigte Abwasser und der ausgefaulte Klärschlamm auf insgesamt 69 Haupt- und Spurenelemente.

Die Anlagen wurden so ausgewählt, dass verschiedene Regionen, Bevölkerungsgrössen und industrielle Einzugsgebiete vertreten waren. Aus den gemessenen Konzentrationen berechneten die Forschenden durchschnittliche Stoffflüsse pro Person und rechneten diese auf die ganze Schweiz und ein Jahr hoch.

Das Resultat der 2017 veröffentlichten Studie: ungefähr 43 Kilogramm Gold und rund 3’000 Kilogramm Silber gelangen jährlich in die Schweizer Abwasserströme. Wäre das Gold als kompakter Block vorhanden, hätte es wegen seiner hohen Dichte nur gut zwei Liter Volumen – im Abwasser ist es jedoch gigantisch weit verteilt.

Nein, die Leute spülen nicht ihre Eheringe hinunter

Die Edelmetalle liegen nicht als sichtbare Schmuckstücke auf dem Boden der Kanalisation. Es handelt sich um extrem kleine Partikel und gelöste Spuren, die bei industriellen Prozessen, in Gewerbebetrieben und beim Gebrauch technischer Produkte freigesetzt werden.

Erkennbar werden solche winzigen Mengen erst mit empfindlichen Laborverfahren, die Elemente noch in sehr niedrigen Konzentrationen unterscheiden können. Die Forschenden zählten deshalb keine Goldstückchen, sondern bestimmten Konzentrationen und berechneten daraus die Stoffmengen, die täglich durch die Anlagen fliessen.

Gold wird unter anderem in der Elektronik, Präzisionstechnik und Oberflächenbehandlung verwendet. Silber kommt ebenfalls in technischen, chemischen und medizinischen Anwendungen vor. Schon sehr kleine Verluste aus vielen einzelnen Prozessen summieren sich über ein ganzes Land.

Der heimische Abfluss trägt also nur einen winzigen Teil zum Gesamtbild bei. Der eigentliche Schatz stammt vor allem aus einer hoch entwickelten Industrie, die mit Materialien arbeitet, von denen oft nur Bruchteile eines Gramms verloren gehen.

Das Abwasser verrät, was eine Region produziert

Besonders spannend waren die regionalen Unterschiede. Bei einzelnen Kläranlagen lagen die Konzentrationen bestimmter Elemente bis zu hundertmal höher als der schweizweite Median.

Im Jura fanden die Forschenden erhöhte Werte von Ruthenium, Rhodium und Gold. Als wahrscheinliche Erklärung gilt die dort stark vertretene Uhren- und Präzisionsindustrie. In Teilen des Tessins wurden ebenfalls auffällig hohe Goldkonzentrationen im Klärschlamm gemessen – passend zu den Goldraffinerien der Region.

Nicht jede Auffälligkeit stammt jedoch aus einer Fabrik. Erhöhte Arsengehalte in Teilen Graubündens und des Wallis wurden eher mit der natürlichen Geologie in Verbindung gebracht. Abwasser ist damit fast so etwas wie ein chemischer Fingerabdruck seines Einzugsgebiets.

Drei Millionen Franken – zu Preisen von 2017

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schätzte die Eawag den jährlichen Wert des Goldes auf rund 1,5 Millionen Franken. Das Silber erreichte nochmals ungefähr denselben Betrag. Zusammen gingen damit Edelmetalle im damaligen Wert von rund drei Millionen Franken über gereinigtes Abwasser und Klärschlamm verloren.

Die Schlagzeile klingt nach einem perfekten Geschäftsmodell: Klärschlamm kaufen, Gold herausholen, reich werden. Doch die Gesamtmenge sagt wenig darüber aus, wie aufwendig sie zu gewinnen wäre.

Warum fischt niemand das Gold heraus?

Weil es über Millionen Kubikmeter Abwasser und grosse Mengen Klärschlamm verteilt ist. Die Konzentrationen sind an den meisten Orten so gering, dass Sammlung, Aufbereitung und Trennung mehr kosten würden als das zurückgewonnene Metall wert wäre.

Für die Schweiz als Ganzes kam das Forschungsteam deshalb zum Schluss, dass sich eine Rückgewinnung finanziell und mengenmässig kaum lohnt. An einzelnen Standorten im Tessin waren die Goldwerte allerdings so hoch, dass eine lokale Rückgewinnung theoretisch interessant sein könnte.

Der Unterschied ist entscheidend: In der Kanalisation liegt zwar viel Gold, aber nicht an einem Ort. Es ist wie ein Schatz, den jemand in mikroskopisch kleinen Portionen über das ganze Land verteilt hat.

Gold war nur der auffälligste Fund

Die Forschenden suchten nicht primär nach Reichtum, sondern nach Stoffströmen. Moderne Industrie, Medizin und Elektronik verwenden immer mehr seltene Elemente, doch lange war kaum bekannt, in welchen Mengen diese Stoffe nach ihrem Einsatz im Abwasser landen.

Neben Gold und Silber errechnete die Studie für die Schweiz jährlich ungefähr 1’070 Kilogramm Gadolinium, 1’500 Kilogramm Neodym und 150 Kilogramm Ytterbium. Gadolinium wird beispielsweise in medizinischen Kontrastmitteln eingesetzt; Neodym steckt unter anderem in leistungsfähigen Magneten.

Solche Zahlen helfen nicht nur beim Recycling. Sie zeigen auch, über welche Wege Stoffe aus Produkten und Anwendungen in Kläranlagen, Schlamm, Flüsse und schliesslich in die Umwelt gelangen können.

Ist das für Flüsse und Seen gefährlich?

Für die in der Untersuchung gemessenen Konzentrationen sah die Eawag keine Gefahr für die Umwelt. Das bedeutet jedoch nicht, dass Spurenelemente grundsätzlich uninteressant wären. Ihre Verwendung nimmt zu, während das Wissen über langfristige Stoffflüsse teilweise noch begrenzt ist.

Genau deshalb war die Studie wichtig: Sie lieferte erstmals einen landesweiten Referenzwert für ein industrialisiertes Land. Künftige Messungen können daran zeigen, ob bestimmte Einträge steigen, fallen oder sich regional verlagern.

Die eigentliche WTF-Pointe

Die Schweiz besitzt keine geheime Goldmine unter ihren Strassen. Sie besitzt etwas viel Seltsameres: einen ständigen, unsichtbaren Strom aus Edelmetallspuren, der Industrie, Haushalte und Kläranlagen miteinander verbindet.

43 Kilogramm Gold klingen nach einem Vermögen. Im Abwasser werden sie zu einem Lehrstück darüber, dass selbst ein wertvoller Stoff beinahe wertlos wird, wenn er nur dünn genug verteilt ist.

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