Stell dir vor, du fährst am Samstag an einen See, den du noch nicht kennst. Auf dem Hinweg zieht sich die Fahrt, auf dem Rückweg bist du gefühlt schon nach wenigen Liedern wieder zu Hause. Ein Blick auf die Uhr zeigt allerdings: Beide Fahrten dauerten ungefähr gleich lang.
Falls dir diese Situation bekannt vorkommt, hast du Gesellschaft. Die Forschung kennt dafür einen eigenen Namen: den Rückreise-Effekt, auf Englisch «return trip effect». Dahinter steckt eine überraschend knifflige Frage: Was vergleichen wir eigentlich, wenn wir sagen, eine Reise sei schnell vorbeigegangen?
Das Gefühl lässt sich untersuchen
Ein Team um den Psychologen Niels van de Ven untersuchte das Phänomen 2011 mit Busreisen, Velofahrten und Reisevideos. In den Versuchen wirkte die Rückreise kürzer. Bei den Videos dauerten beide Strecken exakt sieben Minuten, wurden aber unterschiedlich lang eingeschätzt.
Auch eine andere Rückroute beseitigte den Effekt nicht. In den Experimenten von van de Ven und seinem Team genügte es deshalb nicht, auf wiedererkannte Häuser oder Kreuzungen zu verweisen. Ein Heimweg konnte kürzer wirken, obwohl er über eine neue Strecke führte.
Vielleicht war der Hinweg die Überraschung
Als Erklärung schlug das Team veränderte Erwartungen vor. Wer die Hinfahrt unterschätzt, erlebt sie als enttäuschend lang und rechnet danach auch für die Rückfahrt mit viel Zeit. Gemessen an dieser Erwartung kann dieselbe Dauer plötzlich angenehm kurz erscheinen.
Dazu passte ein weiterer Versuch: Wurde vor dem ersten Reisevideo eine lange Fahrt angekündigt, verschwand der Rückreise-Effekt in dieser Versuchsbedingung. Erwartungen sind damit ein plausibler Teil der Erklärung. Die Autoren liessen ausdrücklich offen, ob weitere Ursachen mitwirken.
Vertrautheit spielt trotzdem eine Rolle
Aus solchen Versuchen folgt allerdings nicht, dass Ortskenntnis für unser Zeitgefühl bedeutungslos wäre. Eine 2016 online veröffentlichte Untersuchung von Anna Jafarpour und Hugo Spiers betrachtete Studierende, die seit neun Monaten in einem Londoner Quartier lebten. Sie zeichneten Karten und schätzten Gehzeiten zu verschiedenen Zielen.
Für besonders vertraute Wege fielen die Zeitschätzungen kürzer aus als für weniger vertraute Wege vergleichbarer Länge. Auf den selbst gezeichneten Karten stellten die Teilnehmenden die sehr vertrauten Wege dagegen räumlich grösser dar. Im Kopf können die Einschätzung einer Strecke und die dafür veranschlagte Zeit also auseinandergehen.
Die Studie untersuchte erwartete Gehzeiten und keinen vollständigen Hin- und Rückausflug. Sie beantwortet deshalb eine andere Frage als die Rückreise-Experimente. Gerade diese Unterscheidung hilft: «Ich kenne die Gegend» und «Die Rückfahrt kam mir kürzer vor» beschreiben verwandte, aber unterschiedliche Erfahrungen.
Manchmal entsteht der Unterschied erst im Rückblick
Ein japanisches Forschungsteam untersuchte 2015 zwanzig Männer mit Videos von Spaziergängen. Eine Gruppe sah eine Hin- und Rückstrecke, die andere zwei verschiedene Wege. Alle Videos dauerten rund 26 Minuten; währenddessen sollten die Teilnehmer jeweils melden, wenn nach ihrem Gefühl drei Minuten vergangen waren.
Erst danach verglichen sie die Gesamtdauer der beiden Videos. Bei diesem Rückblick erschien der zweite Weg der Hin-und-zurück-Gruppe kürzer. Die laufenden Drei-Minuten-Schätzungen zeigten dagegen keinen statistisch gesicherten Unterschied zwischen den Gruppen, der speziell auf die Rückreise zurückging.
Die Studie von Ryosuke Ozawa und seinen Kollegen spricht damit dafür, dass der nachträgliche Vergleich wichtig sein kann. Mit nur zehn Personen pro Gruppe war sie klein; die Autoren warnten selbst davor, aus dem ausgebliebenen Unterschied zu viel abzuleiten. Bewiesen ist damit nicht, dass der Effekt immer erst nach der Ankunft entsteht.
Schon die Aufmerksamkeit verändert das Urteil
Auch ausserhalb von Reisen hängt eine Zeitschätzung davon ab, wie eine Situation erlebt und abgefragt wird. Ein Team der Université Laval liess für eine 2010 veröffentlichte Studie 116 Personen Videospiele spielen. Die Sitzungen dauerten zwölf, 35 oder 58 Minuten.
Ein Teil wusste vorher, dass später die Dauer geschätzt werden sollte; die anderen erfuhren das erst nach dem Spielen. Wer vorab auf die Zeitfrage vorbereitet war, gab insgesamt längere Schätzungen ab. Die Forschenden diskutierten das Zusammenspiel von Aufmerksamkeit und Erinnerung als Erklärung für solche Unterschiede.
Das ist kein direkter Beweis für den kürzeren Heimweg. Es zeigt aber, weshalb die Frage «Wie lange hat es gedauert?» mehr verlangt als das Ablesen einer inneren Stoppuhr. Ob Zeit während eines Erlebnisses ausdrücklich wichtig war, kann das spätere Urteil beeinflussen.
Beim nächsten Ausflug lohnt sich ein zweiter Blick
Du kannst die Idee beim nächsten Tagesausflug im Hinterkopf behalten: Notiere nach jeder Etappe, wie lange sie dir vorkam, und vergleiche das anschliessend mit den tatsächlichen Zeiten. Vielleicht passen Gefühl und Uhr zusammen, vielleicht überrascht dich der Unterschied. Ein einzelner Ausflug ist natürlich noch kein wissenschaftlicher Versuch.
Und falls die Heimfahrt tatsächlich kürzer dauerte, braucht es dafür kein Wahrnehmungsrätsel. Ein schnellerer Anschluss oder weniger Verkehr reichen als Erklärung. Spannend wird es dort, wo die Minuten ungefähr gleich bleiben und die Reise trotzdem anders wirkt.
Die Uhr zählt, wir vergleichen
Für den nächsten Ausflug bleibt damit eine schöne Frage fürs Zugabteil: War der Heimweg wirklich schneller – oder kam er dir nur so vor? Bis zur Antwort kannst du immerhin noch ein paar Lieder hören. Vielleicht bist du gefühlt schon beim zweiten wieder daheim.
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Recherche: 18. September 2026. Bild: heftig. · KI-Symbolbild einer Heimfahrt, keine Aufnahme einer bestimmten Zugverbindung oder eines Forschungsversuchs.
