Im Tiefkühler liegt normalerweise etwas für das nächste Abendessen. In Changins im Kanton Waadt geht es um deutlich mehr: Agroscope bewahrt dort Saatgut auf, aus dem auch künftige Generationen wieder Pflanzen ziehen können. Zwischen unscheinbaren Körnern steckt eine Vielfalt, die für die Landwirtschaft einmal entscheidend werden könnte.
Die nationale Genbank erhält alte und moderne Kulturpflanzen und stellt Material für Forschung und Züchtung bereit. Das aktuelle Agroscope-Projekt beschreibt eine Sammlung mit mehr als 14’000 Einträgen. Dahinter stehen gesammelte Pflanzenproben und ihre Eigenschaften – ein Fundus, aus dem sich Antworten auf neue Herausforderungen entwickeln lassen.
Warum eine alte Sorte morgen wichtig sein kann
Eine Pflanze muss auf dem Feld einiges gleichzeitig können: wachsen, Ertrag liefern, mit ihrem Standort zurechtkommen und möglichst widerstandsfähig sein. Dazu kommen die Ansprüche an das, was später auf dem Teller landet. Agroscope beschreibt die Verbindung vieler solcher Merkmale in einer neuen Sorte als zeitaufwendige Arbeit.
Für die Züchtung dienen unter anderem lokale Pflanzenformen sowie in- und ausländische Sorten als Ausgangsmaterial. In diesem Zusammenhang wird verständlich, weshalb eine Sammlung auch Pflanzen bewahrt, die gerade nicht zu den Verkaufsschlagern gehören. Ihr Wert kann in einer einzelnen Eigenschaft liegen, die in einer anderen Kombination nützlich wird.
Agroscope nennt dafür konkrete Beispiele: Alte Gerstensorten können Widerstandskraft gegen Schwarzrost mitbringen, Dinkel gegen die Pilzkrankheit Fusariose. Bei Mais können Eigenschaften interessant sein, die jungen Pflanzen bei Kälte helfen. Solche Merkmale lassen sich in Züchtungsprogramme einbeziehen.
Minus 20 Grad für ein Stück Zukunft
Für die mittelfristige Aufbewahrung nutzt Agroscope in Changins Kühlräume mit etwa vier Grad. Saatgut für die langfristige Erhaltung kommt dagegen bei minus 20 Grad ins Lager. Die Genbank sammelt und beschreibt das Material also nicht nur, sondern sorgt auch für geeignete Bedingungen, damit es später noch verwendet werden kann.
Vor der langen Lagerung werden die Proben getrocknet und in Aluminiumbeutel verpackt. Ein Bericht von Präsenz Schweiz beschreibt, dass gewisse Getreidesorten unter diesen Bedingungen bis zu 50 Jahre keimfähig bleiben können. Das ist eine Möglichkeit für geeignetes Saatgut, keine pauschale Haltbarkeitsgarantie für jedes Korn.
Eine Sammlung, die immer wieder aufs Feld muss
Die Arbeit endet deshalb nicht mit dem Schliessen der Kühlraumtür. Jedes Jahr werden ausgewählte Sorten ausgesät; die daraus gewonnenen Samen erneuern den Bestand. Die Sammlung bleibt auf diese Weise lebendig.
Wer von einer seit über hundert Jahren erhaltenen Sorte liest, sollte sich daher nicht einfach ein einzelnes Korn vorstellen, das seit 1900 unberührt im selben Beutel liegt. Erhalten wird die Sorte durch die laufende Arbeit mit ihrem Pflanzenmaterial. Die nächste Generation von Samen führt diese Geschichte weiter.
Manchmal geht es sogar ums Stroh
Wie überraschend der Nutzen einer alten Sorte sein kann, zeigt «Rouge de Gruyère». Dieser Weizen wurde 1900 erfasst und blieb in der Agroscope-Genbank erhalten. Laut Agroscope wurde er später wieder angebaut, weil sein Stroh zum Flechten gefragt war.
Das Beispiel verschiebt den Blick: Bei einer Kulturpflanze muss der interessante Teil nicht immer das essbare Korn sein. Eine aufbewahrte Sorte kann auch für ein Handwerk oder eine regionale Verwendung wieder Bedeutung bekommen. Was heute nebensächlich wirkt, kann morgen einen ganz konkreten Zweck erfüllen.
Die Sicherungskopie liegt auf Spitzbergen
Auch die Schweiz hat Saatgut nach Spitzbergen geschickt. Dort bewahrt der Svalbard Global Seed Vault Duplikate aus Genbanken vieler Länder auf. Man kann sich das Prinzip wie eine räumlich getrennte Sicherungskopie vorstellen: Geht eine Sammlung verloren, soll nicht gleichzeitig auch ihr gesamtes pflanzliches Erbe verschwinden.
Der Betreiber betont, dass der Tresor vor allem einzelnen Sammlungen nach Verlusten helfen soll – etwa infolge von Naturkatastrophen oder Konflikten. Die eingelagerten Samen bleiben Eigentum der jeweiligen Genbank; nur diese kann ihre Rückgabe verlangen. Spitzbergen ersetzt damit die tägliche Arbeit der Genbanken nicht, sondern ergänzt sie um eine zusätzliche Absicherung.
Nicht jede Pflanze passt in einen Samenbeutel
Die Schweiz erhält pflanzliche Vielfalt auch mit anderen Methoden. In Changins werden beispielsweise Kartoffel- und Rebsorten in einer In-vitro-Sammlung bewahrt; dabei wächst Pflanzenmaterial unter kontrollierten Laborbedingungen. Je nach Pflanze kommt also eine andere Form der Erhaltung zum Einsatz.
Hinter all dem steht ein einfacher Gedanke: Landwirtschaft braucht Auswahl, gerade wenn sich ihre Bedingungen verändern. Eine Genbank hält dafür Material und Wissen verfügbar. Die unscheinbaren Körner im Kühlraum sind deshalb nicht nur ein Blick zurück – sie lassen Möglichkeiten für die Zukunft offen.
Quellen und Hintergrund
Recherchestand: 5. Oktober 2026. Die Angaben beruhen auf den folgenden offiziellen Informationen. Die Bestandszahl bezeichnet die Einträge im aktuellen Agroscope-Projekt; ältere Übersichtsseiten nennen teilweise andere Zahlen und Sammlungsumfänge.
- Agroscope: Nationale Genbank – Auftrag und mehr als 14’000 Einträge
- Agroscope: Getreide-Genbank, Lagerung und Beispiele alter Sorten
- Agroscope: Ziele und Arbeitsweise der Pflanzenzüchtung
- Präsenz Schweiz: Aufbewahrung, Erneuerung und In-vitro-Sammlung
- Svalbard Global Seed Vault: Zweck, Betrieb und Eigentum am Saatgut
