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Die Nachricht ist angekommen. Der Mensch, mit dem man gestern noch gesprochen hat, ist gestorben. Trotzdem fühlt es sich vielleicht so an, als müsste gleich das Telefon klingeln und seine vertraute Stimme zu hören sein. Zwischen dem Wissen um einen Tod und dem Begreifen dieses Verlusts kann eine grosse Lücke liegen.

Eine Aufbahrung gibt Angehörigen die Möglichkeit, vor der Bestattung noch einmal Zeit bei einem verstorbenen Menschen zu verbringen. Für manche ist dieser Besuch wichtig, andere möchten ihn nicht. Entscheidend ist, dass der Abschied zu den Beteiligten und zu den Wünschen der verstorbenen Person passt.

Was bedeutet Aufbahrung überhaupt?

Bei einer Aufbahrung wird ein verstorbener Mensch so gebettet, dass Angehörige Abschied nehmen können. Wer dabei sofort an einen offenen Sarg denkt, kennt nur eine Möglichkeit: Auch eine Aufbahrung im geschlossenen Sarg ist möglich. Der Besuch kann im kleinen Kreis stattfinden, ohne Ansprache und ohne grosse Trauerfeier.

Ein konkretes Beispiel bietet das Krematorium Bern. Dort sind offene und geschlossene Aufbahrungen vorgesehen; der gekühlte Bereich mit dem Sarg ist durch eine Glasscheibe vom Besucherbereich getrennt. In Begleitung von Mitarbeitenden des Krematoriums oder des Bestattungsunternehmens ist auch der Zugang zum Sarg möglich. Wie ein Besuch abläuft, hängt also vom jeweiligen Ort und den getroffenen Absprachen ab.

Den Tod sehen kann helfen, ihn zu begreifen

Eine Todesnachricht bleibt zunächst etwas, das man hört oder liest. Einen verstorbenen Menschen noch einmal zu sehen, kann dieser Nachricht eine erfahrbare Wirklichkeit geben. Das kann schmerzhaft sein und zugleich helfen, zu verstehen, dass dieser Mensch tatsächlich nicht mehr zurückkommt.

Solche Erfahrungen beschreibt eine britische Interviewstudie, die 2010 im Fachjournal BMJ erschien. Die Forschenden sprachen mit 80 Menschen nach einem Suizid oder einem anderen traumatischen Todesfall. Einige schilderten, dass der Anblick die Endgültigkeit des Todes verständlicher machte; zugleich konnte er erschüttern oder belasten. Die Untersuchung ist kein Beweis dafür, dass eine Aufbahrung allen hilft oder spätere Trauerprobleme verhindert.

Ein Ort für das, was noch gesagt werden möchte

Ein Abschied braucht keine vorbereitete Rede. Vielleicht möchte jemand Danke sagen, eine Erinnerung erzählen oder einfach schweigend auf einem Stuhl sitzen. Eine Aufbahrung kann dafür einen eigenen Ort schaffen, bevor die nächsten Schritte der Bestattung folgen.

Auch kleine Rituale können diesem Moment eine Form geben: eine Blume, ein Gebet oder gemeinsam ausgehaltene Stille. Welche Gestaltung möglich ist, lässt sich vorab mit den Verantwortlichen besprechen. Beim Krematorium Bern gehören beispielsweise Pflanzen und Kerzenlicht auf Wunsch dazu; auch ein Bereich zum Zusammensitzen und Erinnern steht zur Verfügung.

Du musst niemandem beweisen, wie sehr du trauerst

Aus einer Möglichkeit darf keine Erwartung werden. Manche Menschen möchten die verstorbene Person so in Erinnerung behalten, wie sie im Leben war; andere wünschen sich unbedingt diesen letzten Besuch. Selbst innerhalb einer Familie können beide Bedürfnisse nebeneinander bestehen.

Auch die britische Studie unterstreicht, wie wichtig eine informierte Entscheidung und Vorbereitung sind. Wer unsicher ist, kann sich zunächst erklären lassen, wie die verstorbene Person aussieht und was beim Besuch zu erwarten ist. Gerade nach einem Unfall oder einem anderen belastenden Todesfall braucht es ein sorgfältiges Gespräch mit den zuständigen Fachpersonen. Ein pauschales «Das musst du unbedingt machen» wird der Situation nicht gerecht.

Auch Kinder dürfen eine eigene Entscheidung haben

Kinder sollten weder selbstverständlich ausgeschlossen noch zum Besuch gedrängt werden. Die Fachorganisation Child Bereavement UK empfiehlt, ihnen die Wahl zu lassen und sie verständlich vorzubereiten: Wie sieht der Raum aus, wer begleitet sie und was werden sie sehen? Dabei sollte klar erklärt werden, dass die verstorbene Person nicht mehr atmet, sich nicht bewegt und nichts mehr fühlt.

Ein Kind darf seine Meinung ändern, auch unmittelbar vor dem Besuch. Eine vertraute erwachsene Person sollte es begleiten und auf seine Fragen eingehen können. Wer nicht hineingehen möchte, kann etwa ein Bild zeichnen oder eine andere Form des Erinnerns wählen. Der Besuch am Sarg ist eine mögliche Art des Abschieds, keine Aufgabe, die ein Kind erfüllen muss.

Abschied braucht keinen bestimmten Glauben

Aufbahrungen und Abschiedsrituale haben sich verändert. Die Universität Zürich beschrieb bereits 2016, wie sich früher stärker gemeinschaftlich geprägte Bräuche hin zu individuelleren Formen entwickelt haben. Damit wächst auch der Raum für einen Abschied, der zur Geschichte einer Familie und ihren Überzeugungen passt.

Begleitung ist dabei auch ohne religiöse Bindung möglich. Am Universitätsspital Zürich unterstützt die Seelsorge Angehörige auf Wunsch unabhängig vom persönlichen Glauben der verstorbenen Person. Je nach Situation kann der Abschied noch im Krankenzimmer stattfinden; auch in die Aufbahrungsräume werden Angehörige auf Wunsch begleitet.

Der Sinn liegt in der Möglichkeit

Eine Aufbahrung macht einen Verlust nicht rückgängig. Sie kann aber Zeit und Raum geben, um bei einem Menschen zu sein, dessen Tod noch schwer zu verstehen ist. Für jemanden sind ein paar stille Minuten wichtig, für jemand anderen stimmt ein Abschied am geschlossenen Sarg oder eine ganz andere Form des Erinnerns.

Vielleicht ist genau das ihr grösster Sinn: einen persönlichen Abschied zu ermöglichen, ohne vorzuschreiben, wie er aussehen muss. Nähe lässt sich nicht daran messen, ob jemand einen Aufbahrungsraum betritt. Und die Beziehung zu einem Menschen besteht aus weit mehr als diesem letzten Moment.