Eine Wohnung. Ein Name am Briefkasten. Ein Schlüsselbund.
Keine WG, kein Partner, keine Familie im selben Haushalt. Allein zu wohnen ist in der Schweiz längst kein Randphänomen mehr.
Nach den jüngsten verfügbaren Zahlen des Bundesamts für Statistik sind 37 Prozent der Privathaushalte Einpersonenhaushalte. Weil Familien- und Paarhaushalte naturgemäss mehr Personen umfassen, bedeutet das nicht, dass 37 Prozent aller Menschen allein wohnen. Bezogen auf die Bevölkerung ist es ungefähr jede fünfte Person.
Wie konnte aus einer vergleichsweise seltenen Wohnform eine der häufigsten werden?
Mehr als jeder dritte Haushalt besteht aus einer Person
2023 waren Einpersonenhaushalte der häufigste einzelne Haushaltstyp der Schweiz. Das ist zunächst ein statistischer Effekt: Ein Haushalt mit vier Menschen zählt genauso als ein Haushalt wie eine Wohnung mit einer einzigen Person. Trotzdem ist die Entwicklung bemerkenswert.
Das BFS beschreibt rund vier Millionen Privathaushalte in der Schweiz. Mehr als ein Drittel davon sind Einpersonenhaushalte. Noch deutlicher wird der Wandel im historischen Vergleich.
Seit 1970 hat sich ihre Zahl mehr als verdreifacht
Die Schweiz ist heute nicht nur grösser als vor fünfzig Jahren. Sie wohnt auch völlig anders. Nach Angaben des BFS haben sich die Einpersonenhaushalte seit 1970 mehr als verdreifacht. Gleichzeitig sank die durchschnittliche Haushaltsgrösse über die Jahrzehnte deutlich – von ungefähr 2,9 auf rund 2,2 Personen.
Das klassische Bild eines Haushalts mit Eltern und mehreren Kindern ist damit nicht verschwunden. Aber daneben sind sehr viel mehr kleine Haushalte entstanden.
Allein wohnen beginnt oft schon beim Auszug
Einpersonenhaushalte sind keineswegs nur ein Phänomen des hohen Alters. Eine BFS-Auswertung zum Auszug aus dem Elternhaus zeigt: Von den unter 30-Jährigen, die bereits ausgezogen sind, lebt gut jede vierte Person allein. Bei jungen Männern ist der Anteil höher als bei jungen Frauen.
Andere ziehen zunächst in eine WG oder direkt mit einem Partner zusammen. Das Ergebnis ist trotzdem dasselbe: Für viele Menschen gehört eine Phase des Alleinwohnens heute ganz selbstverständlich zum Lebenslauf.
Später kommen Trennungen und Verwitwung dazu
Ein Haushalt bleibt nicht ein Leben lang gleich. Menschen ziehen zusammen. Sie trennen sich wieder.
Kinder verlassen das Elternhaus. Partner sterben. Und mit steigender Lebenserwartung verbringen viele Menschen einen längeren Teil ihres Lebens nach dem Tod eines Partners allein.
Genau deshalb erwartet das BFS, dass Einpersonenhaushalte auch in Zukunft besonders stark zunehmen. Im Referenzszenario für 2050 steigt ihre Zahl gegenüber 2020 von rund 1,4 auf 1,8 Millionen – ein Plus von ungefähr 30 Prozent. Als wichtige Gründe nennt das BFS insbesondere die höhere Lebenserwartung und die niedrige Geburtenhäufigkeit.
In Städten ist Alleinwohnen besonders sichtbar
Die Verteilung ist nicht überall gleich. In städtischen Gebieten sind Einpersonenhaushalte besonders verbreitet. Das hat mehrere Gründe: kleinere Wohnungen, mehr Arbeits- und Ausbildungsplätze, eine höhere Mobilität und Lebensformen, bei denen Menschen später oder gar nicht mit einem Partner zusammenziehen.
In ländlicheren Regionen sind grössere Haushalte häufiger. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass Städte voller einsamer Menschen sind. Denn hier liegt ein wichtiger Unterschied.
Allein wohnen ist nicht dasselbe wie einsam sein
Ein Einpersonenhaushalt beschreibt nur eine Wohnsituation. Er sagt nicht, ob jemand Freunde hat, eine Partnerschaft führt, jeden Abend unterwegs ist oder sich völlig zurückgezogen hat. Ein Mensch kann allein wohnen und ein sehr dichtes soziales Leben führen.
Und jemand kann mit anderen Menschen zusammenleben und sich trotzdem einsam fühlen. Die Statistik über Haushalte misst deshalb Alleinwohnen, nicht Einsamkeit. Das wird oft verwechselt.
Warum entscheiden sich Menschen freiwillig dafür?
Für manche ist Alleinwohnen keine Notlösung, sondern ein Ziel. Eine eigene Wohnung bedeutet:
- Ruhe
- Kontrolle über den eigenen Alltag
- keine Kompromisse über Ordnung, Schlafzeiten oder Besuch
- einen Rückzugsort, der vollständig einem selbst gehört
Gerade nach Jahren in WGs, Beziehungen oder Familienhaushalten kann genau das attraktiv sein. Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Wandel: Ein Erwachsener ohne Partner im Haushalt gilt heute deutlich weniger als früher als «unvollständig». Allein zu wohnen kann Übergang, bewusste Lebensform oder schlicht praktische Folge des Lebens sein.
Dafür ist es teuer
Eine Sache lässt sich nicht teilen: die Rechnung. Wer allein wohnt, trägt Miete, Strom, Internet, Versicherungen und viele Anschaffungen ohne zweite Person im Haushalt. Ein Kühlschrank kostet nicht halb so viel, nur weil ihn eine Person benutzt.
Eine Zweizimmerwohnung braucht nicht halb so viel Heizung wie eine Wohnung für zwei Personen. Deshalb haben kleine Haushalte bei vielen Fixkosten schlechtere Skaleneffekte. Das ist auch gesellschaftlich relevant: Wenn immer mehr Menschen in immer kleineren Haushalten leben, braucht dieselbe Bevölkerungszahl tendenziell mehr Wohnungen.
Eine Wohnung sagt immer weniger über eine Beziehung aus
Noch vor wenigen Jahrzehnten war die Haushaltsform stärker mit dem Beziehungsstatus verbunden. Heute kann jemand in einer festen Partnerschaft leben und trotzdem eine eigene Wohnung behalten. Menschen führen Wochenendbeziehungen, leben aus beruflichen Gründen an verschiedenen Orten oder entscheiden sich bewusst gegen einen gemeinsamen Haushalt.
Der Haushalt ist deshalb immer weniger eine perfekte Abbildung davon, wie Menschen emotional verbunden sind. Statistisch lebt eine Person allein. Sozial muss sie es überhaupt nicht sein.
Die eigentliche Überraschung
Wenn man hört, dass 37 Prozent der Schweizer Haushalte aus einer einzigen Person bestehen, klingt das zunächst nach einer Gesellschaft, die immer isolierter wird. So einfach ist es nicht. Die Zahl erzählt vor allem davon, dass Lebensläufe vielfältiger geworden sind.
Menschen ziehen früher aus, leben länger, trennen sich, beginnen neue Beziehungen, wohnen zeitweise allein und entscheiden selbstständiger, wie ein Haushalt aussehen soll. Das Einfamilienmodell ist nicht verschwunden. Es hat nur sehr viel Gesellschaft bekommen.