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Der Thunersee sieht aus wie ein Ort, an dem höchstens ein verlorener Anker für Unruhe sorgt. Tatsächlich liegen tief unter der Wasseroberfläche Kisten, Granaten und Munitionsbestandteile aus mehreren Jahrzehnten.

Zusammen mit dem Brienzersee und dem Vierwaldstättersee verbirgt er rund 8’200 Tonnen militärische Munition. Und das Erstaunlichste daran: Der Bund weiss davon – und lässt sie vorerst dort.

Die Munition liegt seit Jahrzehnten auf dem Seegrund

Zwischen 1918 und 1964 wurde in mehreren Schweizer Seen militärische Munition versenkt. Darunter waren überzählige oder überalterte Bestände, problematische Munition und Fehlchargen aus der Produktion.

Was heute wie eine kaum glaubhafte Entsorgungsidee wirkt, war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts international eine übliche Praxis. Tiefe Seen galten als abgelegene Orte, an denen das Material dauerhaft verschwinden konnte.

Verschwunden ist es allerdings nur aus dem Blickfeld. Der grösste Teil liegt noch immer im Thuner-, Brienzer- und Vierwaldstättersee – in Tiefen von ungefähr 150 bis 215 Metern.

Ein unsichtbares Lager unter zwei Metern Schlamm

Die Munition liegt nicht ordentlich gestapelt in einem Unterwasserlager. Viele Teile sind über grosse Flächen verteilt und inzwischen von feinem Sediment bedeckt, stellenweise bis zu zwei Meter dick.

Auch die Grössenunterschiede machen die Sache kompliziert. Laut armasuisse reicht das Spektrum von winzigen Teilen mit wenigen Millimetern und weniger als einem Gramm bis zu Objekten von rund 20 Zentimetern und 50 Kilogramm.

Viele Hüllen bestehen aus Eisen und lassen sich magnetisch orten. Zünder können jedoch Kupfer, Messing oder Aluminium enthalten – Materialien, bei denen ein Magnet nicht weiterhilft.

Warum holt man das Zeug nicht einfach heraus?

Weil «einfach herausziehen» in 200 Metern Tiefe nicht existiert. Dort unten herrschen schlechte Sicht, Strömung und enormer technischer Aufwand. Gleichzeitig bleibt bei jedem Objekt unklar, in welchem Zustand es sich befindet und wie es auf eine Bewegung reagiert.

Das grössere Problem könnte sogar der Schlamm sein. Wird die Sedimentschicht grossflächig aufgewirbelt, trübt sie das Wasser und kann dem ohnehin sauerstoffarmen Tiefenwasser zusätzlichen Sauerstoff entziehen. Eine Bergung, die Schadstoffe verhindern soll, könnte das empfindliche Ökosystem also selbst belasten.

Genau deshalb kam eine Beurteilung bereits 2005 zum Schluss, dass die damals verfügbaren Methoden erhebliche Risiken mit sich brachten. Liegenlassen klingt fahrlässig – bergen kann aber ebenfalls Schaden anrichten.

Ist das Wasser dadurch gefährlich?

Nach heutigem Wissensstand zeigt das regelmässige Monitoring keine negative Beeinflussung des Seewassers. Für die Messkampagne 2024/2025 wurden rund 60 Proben aus den drei Seen unter anderem auf TNT, Nitroglycerin, Perchlorat und verschiedene Schwermetalle untersucht.

Die im April 2026 veröffentlichten Resultate zeigen bei fast allen untersuchten Stoffen sehr tiefe Konzentrationen, meist nahe der Bestimmungsgrenze. Im Vergleich zu früheren Messungen war der Trend stabil bis rückläufig.

Das bedeutet nicht, dass die Munition harmlos geworden ist. Ihr Schadstoffpotenzial bleibt bestehen. Es bedeutet lediglich, dass die bisherigen Untersuchungen keine relevante Belastung des Seewassers durch die versenkten Bestände erkennen lassen.

Der Bund schaut deshalb regelmässig nach

Seit 2012 werden Seewasser und Sedimente periodisch untersucht. Nach den jüngsten Resultaten bleibt der Rhythmus bestehen: Seewasserproben ungefähr alle fünf Jahre, Sedimentuntersuchungen ungefähr alle zehn Jahre.

Die Versenkungsstellen sind im Kataster der belasteten Standorte des VBS eingetragen. Aufgrund der bisherigen Befunde gelten sie derzeit jedoch weder als überwachungs- noch als sanierungsbedürftig im Sinne der Altlastenverordnung. Nach jeder Messkampagne wird die Lage neu beurteilt.

214 Ideen für den Fall, dass sich die Lage ändert

Ganz ohne Plan B will der Bund trotzdem nicht bleiben. armasuisse lancierte 2024 einen Wettbewerb für Methoden, mit denen die Munition eines Tages sicherer und umweltschonender geborgen werden könnte. Bis Februar 2025 gingen 214 Vorschläge ein.

Der Siegerentwurf setzt auf eine luftgefüllte Taucherglocke, die den Arbeitsbereich vom Seewasser trennt. Ein anderes Team entwickelte die Idee einer langsamen, abgedeckten Strandreinigungsmaschine für den Seegrund. Der dritte prämierte Vorschlag sieht einen geschlossenen Kubus mit Schneckenförderern vor.

So futuristisch diese Maschinen klingen: Keine davon ist bereit, morgen in den Thunersee hinabgelassen zu werden. armasuisse geht von einer mehrjährigen Entwicklungsphase aus. Solange das Monitoring keine negativen Umweltauswirkungen zeigt, ist keine konkrete Bergung geplant.

Kann die Munition irgendwann undicht werden?

Genau diese Möglichkeit erklärt das langfristige Monitoring. Metall korrodiert, Sprengstoffbestandteile können sich verändern und wissenschaftliche Messmethoden werden empfindlicher. Niemand verlässt sich deshalb darauf, dass ein alter Entscheid für immer folgenlos bleibt.

Gleichzeitig wäre es falsch, aus der blossen Menge eine akute Gefahr abzuleiten. Die relevante Frage lautet nicht nur, wie viel Material dort liegt, sondern ob Stoffe freigesetzt werden, wie sie sich im Wasser und Sediment verhalten und ob eine Bergung insgesamt weniger riskant wäre als das Liegenlassen.

Die eigentliche WTF-Pointe

Oben fahren Kursschiffe, Menschen baden am Ufer und auf Postkarten spiegelt sich das Alpenpanorama. Unten liegt ein militärisches Erbe von mehr als achttausend Tonnen – eine Menge, die sich an der Oberfläche kaum vorstellen lässt.

Die 8’200 Tonnen sind nicht vergessen. Sie werden gemessen, kartiert und erforscht. Aber vorerst besteht die vernünftigste Lösung ausgerechnet darin, etwas ungeheuer Unvernünftiges aus der Vergangenheit nicht anzufassen.

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