Ein Sarg rollt durch Bern, doch vor ihm fährt kein schwarzer Leichenwagen. Statt Motorenlärm hört man Reifen auf dem Asphalt, denn die letzte Fahrt findet auf einem eigens gebauten Elektrovelo statt.
Das Bestattervelo von aurora Bestattungen ist weder Dekoration noch ein gewöhnliches Lastenrad mit improvisierter Ladefläche. Es wurde für sichere Sargtransporte entwickelt und soll einen Abschied ermöglichen, der langsam, sichtbar und persönlich durch die Stadt führt.
Ein Leichenwagen mit Pedalen
Technisch ist das Bestattervelo ein dreirädriges E-Cargovelo mit einer langen Transportplattform vor dem Fahrer. Auf ihr findet ein geschlossener Sarg Platz, der für die Fahrt gesichert und je nach Wunsch sichtbar oder durch klappbare Seitenwände geschützt wird.
Ein Elektromotor unterstützt den Fahrer, während zwei robuste Vorderräder das Gewicht tragen und stabilisieren. Damit verbindet das Fahrzeug die Funktion eines Leichenwagens mit der ruhigen Bewegung eines Velos.
Die Idee begann mit einem Familienvelo
Gyan Härri, Geschäftsführer von aurora Bestattungen, kam privat durch seine Familie zum Lastenvelo. Freunde schenkten ihm ein Cargovelo, mit dem er seine Familie durch den Alltag transportieren konnte.
Aus dieser positiven Erfahrung entstand die Frage, ob sich dieselbe Form der Bewegung auch auf die letzte Fahrt übertragen liesse. Ein Fahrzeug, das sonst Kinder, Einkäufe und das Leben trägt, wurde so zum Ausgangspunkt für eine neue Art des Abschieds.
Der Muristalden wurde zum Härtetest
Ein Sargtransport stellt andere Anforderungen als eine gewöhnliche Velofahrt. Das Fahrzeug musste stabil genug sein, um beladen den steilen Berner Muristalden hinaufzukommen und auf der Abfahrt ebenso sicher kontrolliert werden zu können.
Als Basis diente das dreirädrige Modell «Tender» von Urban Arrow. Gemeinsam mit dem Cargovelo-Spezialisten Sjoerd van Rooijen von DoubleDutch entstanden Entwürfe für einen Aufbau, der Kraft, Balance, Schutz und Würde miteinander verbinden sollte.
3,53 Meter lang und fast einen Meter breit
Das fertige Bestattervelo misst laut Berichten 3,53 Meter in der Länge und 95 Zentimeter in der Breite. Damit ist es deutlich grösser als ein Alltagsvelo, gilt strassenverkehrsrechtlich aber als Fahrrad und erreicht unterstützt höchstens 25 Kilometer pro Stunde.
Sein Preis wurde bei der Lancierung mit jenem eines Kleinwagens verglichen. Die Sonderanfertigung entstand in Winterthur und nahm im Frühjahr 2021 als erstes Bestattervelo dieser Art in der Schweiz Gestalt an.
Autoreifen, Licht und Kerzenhalter
Vorne sorgen zwei kleine Autoreifen für sicheren Halt und eine günstige Verteilung des Gewichts. Der Sarg und sein Deckel werden fest fixiert, damit die kostbare Fracht auch auf unebenen Strassen oder in Kurven zuverlässig geschützt bleibt.
Klappbare Seitenwände können den Sarg abdecken oder sichtbar lassen. Scheinwerfer, dezente Beleuchtung und Kerzenhalter schaffen zugleich den feierlichen Charakter, den man eher von einer historischen Bestattungskutsche als von einem Lastenvelo erwarten würde.
Die Langsamkeit gehört zum Ritual
Der entscheidende Unterschied zum Bestattungsauto liegt nicht allein beim Antrieb. Eine langsame, beinahe lautlose Fahrt nimmt Tempo aus dem Ablauf und lässt Angehörigen Zeit, den Weg bewusst wahrzunehmen.
Das Velo kann mit den eigenen Fahrrädern oder zu Fuss begleitet werden. Dadurch entsteht wieder ein sichtbarer Trauerzug, wie er früher hinter einer Pferdekutsche selbstverständlich war und durch motorisierte Überführungen vielerorts aus dem Strassenbild verschwunden ist.
Der Tod fährt mitten durch das Leben
Ein klassischer Leichenwagen schützt den Sarg und schafft Distanz, während das offene Bestattervelo näher an Passanten vorbeifährt. Genau diese Sichtbarkeit ist Teil der Idee, denn Tod und Trauer sollen nicht vollständig hinter Türen und getönten Scheiben verschwinden.
Auf einem Quartierplatz kann das ungewöhnliche Fahrzeug Fragen auslösen, ohne den Tod zum Spektakel zu machen. Kinder, Erwachsene und ältere Menschen sehen, dass eine letzte Fahrt zum normalen Stadtleben gehört und trotzdem respektvoll gestaltet werden kann.
Nachhaltigkeit ist nur ein Teil der Geschichte
Das Elektrovelo verbraucht für eine lokale Fahrt deutlich weniger Energie und Platz als ein schweres Bestattungsfahrzeug. Es passt damit zu Menschen, denen Umweltbewusstsein und Velofahren bereits zu Lebzeiten wichtig waren.
Seine Bedeutung lässt sich dennoch nicht auf eine CO₂-Rechnung reduzieren. Für Angehörige können Ruhe, Nähe und die Möglichkeit des gemeinsamen Begleitens viel wichtiger sein als die Wahl des Verkehrsmittels allein.
Nicht jede Strecke und jedes Wetter passen
aurora bietet die letzten Fahrten in Bern und der näheren Umgebung an. Das genannte Einsatzgebiet reicht von Frienisberg bis Rüttihubelbad, von Schüpfen bis Belp sowie von Moosseedorf bis Mittelhäusern und liegt höchstens auf 750 Metern über Meer.
Sicherheit bleibt wichtiger als die Symbolik. Bei extremem Wetter oder während eines Werkstattaufenthalts wird deshalb auf ein Bestattungsauto ausgewichen, denn ein persönliches Ritual darf nie zulasten eines sicheren Transports gehen.
Ein PR-Gag wäre zu kurz gedacht
Bei der Lancierung 2021 wurde öffentlich gefragt, ob das Bestattervelo echte Trauerarbeit oder nur auffällige Werbung sei. Der Bestattungssoziologe Ekkehard Coenen ordnete es gegenüber SRF nicht als blossen PR-Gag ein, solange es tatsächlich den Bedürfnissen der Angehörigen dient.
Diese Einschränkung trifft den Kern jeder individuellen Bestattung. Ungewöhnlich ist nicht automatisch gut, doch eine bewusst gewählte Form kann einen Abschied tragen, wenn sie zur verstorbenen Person und zu den Hinterbliebenen passt.
Das Velo passt zu «Bärn treit»
aurora gehört zum Berner Netzwerk «Bärn treit – gemeinsam bis zuletzt». Die Ende 2020 lancierte Charta will Sterben, Tod und Trauer enttabuisieren und eine Kultur fördern, in der Menschen am Lebensende und ihre Angehörigen nicht allein bleiben.
Das Bestattervelo bringt dieses Ziel buchstäblich auf die Strasse. Es zwingt niemanden zu einer bestimmten Abschiedsform, macht aber sichtbar, dass auch die letzte Reise individuell gestaltet werden darf.
Eine Berner Idee mit Vorbildern
Ganz neu war die Grundidee eines Sargvelos nicht, denn ähnliche Fahrzeuge gab es zuvor unter anderem in Dänemark und Deutschland. Die Berner Konstruktion setzte jedoch auf einen elektrischen Antrieb und wurde gezielt für die topografischen Verhältnisse rund um Bern entwickelt.
Seit 2021 gehört sie zum Angebot von aurora Bestattungen und wird weiterhin öffentlich gezeigt. Noch immer ist ein Sarg auf einem Velo eine Ausnahme, doch gerade deshalb bleibt die Fahrt den Menschen am Strassenrand im Gedächtnis.
Die eigentliche Pointe
Das Bestattervelo macht den Tod nicht leichter, indem es ihn versteckt. Es schafft Leichtigkeit, indem es den letzten Weg verlangsamt und Angehörigen erlaubt, ihn gemeinsam zurückzulegen.
Aus einem Lastenvelo wurde damit kein makabres Kuriosum, sondern eine moderne Form der alten Bestattungskutsche. Der Motor ist leise, der Abschied dafür umso sichtbarer.